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Aus HeidelbergCement wird Heidelberg Materials // Ausgabe 1/2023

Tradition und Zukunft vereint

Dr. Dominik von Achten, Vorstandsvorsitzender Heidelberg Materials, und Christian Knell, Sprecher der Geschäftsleitung Deutschland, erklären im Interview, was es mit dem neuen Namen Heidelberg Materials auf sich hat und was Kunden künftig vom Unternehmen erwarten können.

Interview

context: Warum ist nach 150 Jahren „HeidelbergCement“ ein neuer Name so wichtig für das Unternehmen?

Dominik von Achten: Wir haben das Rebranding – also die Änderung der Identität einer Marke – intern intensiv diskutiert und uns sehr bewusst dafür entschieden, diesen Schritt zu gehen. Uns war klar, dass so eine Veränderung auch immer eine emotionale Komponente hat. Aus heutiger Sicht wissen wir, es war der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt. Für mich persönlich hat dieses Rebranding eine große Bedeutung. Mit einem Firmennamen ist oft eine lange Historie verknüpft. Wir haben „Cement“ gerade jetzt durch „Materials“ ersetzt, weil die Marke immer auch auf die Zukunft ausgerichtet ist. Wir zeigen damit, was wir als Unternehmen zukünftig leisten wollen. Und dafür ist der Name „Materials“ genau richtig.

Christian Knell: Wir wollen weiterhin nahbar und authentisch sein, aber auch offen für Veränderungen. Auch das Feedback, welches wir aus der Organisation bekommen, ist durchweg positiv. Natürlich ist die Zementsparte nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des Unternehmens, aber die Produktvielfalt, die wir heute anbieten, kommt eindeutig mit dem Begriff „Materials“ besser zum Ausdruck. Für mich selbst schließt sich ein Kreis. Ich habe Materialwissenschaften studiert und bin jetzt nach 30 Jahren im Unternehmen bei „Materials“ angekommen. Insofern passt das bei mir wunderbar.

Auch die stark im Markt verankerten Tochtergesellschaften Heidelberger Beton, Heidelberger Sand und Kies sowie Heidelberger Betonelemente werden zu Heidelberg Materials. Besteht da nicht auch die Gefahr, dass ein Stück Identifikation verloren geht?

von Achten: Natürlich geht dabei auch erst einmal ein wenig Identifikation verloren. Es wäre unehrlich, das zu verleugnen. Aber unser klares Ziel ist es, dass sehr viel mehr Identifikation unter dem Dach von „Heidelberg Materials“ gewonnen wird. Die neue Marke bringt zum Ausdruck, wer wir sind und wofür wir stehen. Wir zeigen damit: Wir sind eine Mannschaft – weltweit. Wir wollen gemeinsam die Kräfte bündeln, um bei der Dekarbonisierung unserer Branche die führende Rolle zu übernehmen und auszubauen. Auch beim Thema Kreislaufwirtschaft, das wir gerade in Deutschland stark vorantreiben, wird die Bandbreite unserer gesamten Wertschöpfungskette klar: Erst fügen wir das Material zu einem Produkt zusammen, nehmen es wieder auseinander, spalten es wieder in die Einzelteile auf, um es schließlich wieder in den Kreislauf zu bringen. Das geht mit unseren „Materials“ perfekt.

Knell: Historisch gesehen sind wir in Deutschland ja ein Zement-Land, und bis vor zirka zehn Jahren war die Zementsparte auch noch relativ separiert von unseren anderen Aktivitäten. Aber seitdem haben wir ein gutes Zusammenspiel untereinander entwickelt, und gemeinsam fokussieren wir uns jetzt auf ein Ziel. Da ist schon ein toller Spirit in der gesamten Landesorganisation entstanden, und das Zitat von Hermann Hesse „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ trifft es momentan ganz gut. Zudem sind wir alle im Herzen Heidelberger – das ist es, was zählt. Mit der neuen Marke transportiert Heidelberg Materials den Anspruch, offen für Veränderung zu sein, nahbar zu sein, authentisch zu bleiben. Das große Ziel ist es, das erste klimaneutrale Unternehmen der Branche zu werden.

Was können die Kunden denn künftig von Heidelberg Materials erwarten?

Knell: Wir wollen das, was wir bisher gemacht haben in der gleichen Kontinuität und Professionalität weiter vorantreiben. Hinzu kommen neue Faktoren, denn wir liefern zukünftig nicht mehr nur hochwertigen Beton, sondern Beton, der auf dem Weg ist, dekarbonisiert zu sein. Wir verwenden Recyclingmaterial für unseren Beton und entwickeln diesen entsprechend weiter. Aber auch die Digitalisierung spielt eine entscheidende Rolle, um zusätzliche, vorteilhafte Dienstleistungen für unsere Kunden anbieten zu können.

von Achten: Zusätzlich achten wir bei den Produkten, die wir auf den Markt bringen, nicht nur auf den geringeren CO2-Fußabdruck oder Recycling-Anteil, sondern auch darauf, wie die Energie erzeugt wird. Ist sie grün oder nicht? Wird Wasser im Kreislauf genutzt oder ständig Frischwasser verwendet? Wie sind die Transportwege? Wir haben den Anspruch, gemeinsam mit unseren Kunden die gesamte Wertschöpfungskette nachhaltig zu gestalten. Wir möchten der Haupttreiber für Nachhaltigkeit sein, und ich denke, dass unser Team dafür bestens positioniert ist.

Herr Dr. von Achten, sind Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit für Sie eigentlich ein Widerspruch?

von Achten: Eindeutig nein. Es ist möglich, beides unter einem Dach zu vereinen. Wenn wir Beton voll dekarbonisieren, wird er von einem guten Produkt zu einem sehr guten Produkt. Dann hat er auch einen zusätzlichen Mehrwert, den wir unseren Kunden nahebringen, damit sie ihn den eigenen Kunden vermarkten können. Wir investieren große Summen in Deutschland, um unsere Produkte besser zu machen und am Ende des Tages für unsere Kunden ein noch stärkerer Partner zu sein.

Welche neuen Wege wird Heidelberg Materials einschlagen, um die sehr ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen?

von Achten: Vor ein paar Jahren noch stand die Frage im Raum: Ist dieser Baustoff überhaupt dekarbonisierbar? Viele haben hier sehr schnell an Offsetting gedacht, das heißt, die CO2-Emissionen durch Klimaprojekte ausgleichen. Wir bei Heidelberg Materials haben uns klar gegen Offsetting entschieden. Und zwar aus einem einzigen Grund: Wir wollen das Produkt an sich dekarbonisieren und wir wissen genau, wie es funktioniert. Wir sind weltweit die Ersten, die das Abscheiden und Weiterverwerten oder Speichern von CO2 im großen Maßstab vorantreiben. Ebenso das Thema Kreislaufwirtschaft. Wir wollen das eigentliche Produkt, also den verbauten Beton, wieder in den Kreislauf zurückbringen und ihn idealerweise karbonatisieren, sodass er zusätzliches CO2 aufnimmt. Das kann er nämlich alles. Es gibt sehr viele Argumente, die auch künftig für einen großflächigen Einsatz von Beton sprechen.

Knell: In Deutschland haben wir gleich drei Projekte gestartet, in denen wir alle drei technisch möglichen Verfahren realisieren möchten. Das ist etwas, worauf wir stolz sind und das ist auch ein klares Bekenntnis zum Standort Deutschland, für unsere Kunden und die Politik. Es zeigt unser Engagement für Technologie und Wissen. Des Weiteren wollen wir nicht nur eine Lösung am Ende des Prozesses finden, sondern bereits im Voraus überlegen, wie wir unseren Klinker von Anfang an CO2-reduziert herstellen können. Auch dazu werden wir ein Projekt in Deutschland starten. Da haben wir insgesamt ein beeindruckendes Portfolio, das wir unseren Kunden anbieten werden können.

Mit welchen Mitteln wollen Sie langfristig die Kreislaufwirtschaft etablieren?

Knell: Auf nationaler Ebene, indem wir rezyklierte Baustoffe einsetzen und im Bereich der Recyclingaktivitäten weiterwachsen. Das haben wir schon unter Beweis gestellt, und diesen Weg wollen wir weiter gehen. Wir wollen zukünftig, dort wo es geht, dem Einsatz von Recyclingmaterial bei der Betonherstellung den Vorrang vor der Verwendung von Primärrohstoffen geben. Zum einen schont das die natürlichen Rohstoffressourcen, zum anderen ermöglicht es uns auch, neue Geschäftsfelder zu entwickeln und unser Angebot mit optimierten Recycling-Produkten in Deutschland zu erweitern. Im Bereich der Brennstoffe wollen wir den Weg weiter in Richtung Biomasse gehen, um hier allen Anforderungen gerecht zu werden.

von Achten: International arbeiten wir intensiv an innovativen Verfahren zur Verarbeitung, Aufbereitung und Rückführung von hochwertigen rezyklierten Materialien. Die Wiederverwendung von Baustoffen und Betonrecycling sind für uns entscheidend, um unsere ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen. Bis 2030 wollen wir weltweit für die Hälfte unserer Betonprodukte zirkuläre Alternativen anbieten.

Sind Zement und Beton auch weiterhin unverzichtbar?

von Achten: Wir sollten uns nie dem Mantra „Wir sind unverzichtbar als Produkt“ unterwerfen. Das schiebt jede Innovationskraft, jede Geschwindigkeit und jede Veränderungsbereitschaft in die Ecke. Deswegen ist meine erste Antwort darauf „Nein“. Es gibt heute schon Hunderte von Start-ups, die in ihren Geschäftsideen beschreiben, wie sie die Zement- und Betonindustrie angreifen, ähnlich wie es die Elektromobilität mit den großen deutschen Automobilkonzernen getan hat. Aber Beton ist auch das meistverbreitete Produkt nach Wasser. Er ist nicht einfach so ersetzbar. Wir als Gesellschaft haben uns dazu entschieden, klimaneutral zu werden. Wenn wir also in der Lage sind, Beton vollständig zu dekarbonisieren, warum sollte er dann ersetzt werden? Wir sind fest davon überzeugt: Wenn wir das schaffen, hat der Baustoff eine attraktive Zukunft in einer nachhaltigen Welt. Und wir können die nächsten Generationen auf die Reise schicken, um die kommenden 150 Jahre zu gestalten.

Das Gespräch führte Conny Eck

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Ergänzende Infos zu aktuellen Forschungsprojekten von Heidelberg Materials in Deutschland

Mergelstetten: Forschungsprojekt Catch4Climate

Um die Oxyfuel-Technologie zur CO2-Abscheidung weiterzuentwickeln, ist Heidelberg Materials mit drei weiteren europäischen Zementherstellern an einem Forschungsvorhaben zur Errichtung einer Oxyfuel-Ofenanlage beteiligt. Gemeinsam mit den Unternehmen Buzzi /Dyckerhoff, Schwenk und Vicat will Heidelberg Materials mit catch4climate die Voraussetzungen für den großflächigen Einsatz energiearmer und damit kostengünstiger CO2-Abscheidetechnologien in Zementwerken schaffen. Zu diesem Zweck wird derzeit eine Demonstrationsanlage im halbindustriellen Maßstab auf dem Gelände des Zementwerks in Mergelstetten in Süddeutschland errichtet. Neben der Erprobung der reinen Oxyfuel-Technologie soll ein Teil des gewonnenen CO2 zur Herstellung von klimaneutralen synthetischen Kraftstoffen, z. B. Kerosin für die Luftfahrt, verwendet werden. Alle erforderlichen Genehmigungen liegen vor und die Umsetzungsphase hat begonnen.

Hannover: Forschungsprojekt Leilac

Das von der EU finanzierte Projekt LEILAC (Low Emissions Intensity Lime And Cement), bei dem Heidelberg Materials einer der strategischen Partner ist, soll die technische und ökonomische Umsetzbarkeit einer Prozesstechnologie zur Abscheidung des bei der Erhitzung des Rohmaterials freigesetzten CO2 in hochreiner Form demonstrieren. Nach dem Bau des 60 Meter hohen Demonstrationskalzinators in unserem Zementwerk in Lixhe, Belgien, und dem erfolgreichen Abschluss von Prozessversuchen wurde beschlossen, die LEILAC-Technologie in den industriellen Maßstab zu überführen. Im Anschluss an die sehr erfolgreiche erste Phase des LEILAC-Projekts in Lixhe wird Heidelberg Materials in Zusammenarbeit mit dem australischen Technologieunternehmen Calix und einem europäischen Konsortium nun eine viermal so große Anlage im Werk von Heidelberg Materials in Hannover bauen.

Lengfurt: Forschungsprojekt Capture-to-use (Cap2u)

Heidelberg Materials und Linde haben unter dem Namen Capture-to-Use (CAP2U) ein Joint Venture zum Bau und Betrieb einer hochmodernen Kohlendioxidabscheide- und -Verflüssigungsanlage gegründet. Im Werk Lengfurt von Heidelberg Materials soll 2025 die weltweit erste Carbon Capture and Utilisation (CCU)-Anlage im großtechnischen Maßstab in der Zementindustrie in Betrieb gehen. Dies ermöglicht eine Weiterverwertung des abgeschiedenen CO₂ aus der Zementproduktion als wertvoller Rohstoff für industrielle Anwendungen. Die geplante Menge an gereinigtem und verflüssigtem CO₂ beträgt rund 70.000 Tonnen pro Jahr. Das aufbereitete Gas kann dank seiner Reinheit sowohl in der Lebensmittel- als auch in der Chemieindustrie eingesetzt werden, beispielsweise als Kohlensäure in Mineralwasser. Der kleinere Teil wird von Heidelberg Materials genutzt werden, um neue Technologien zum CO₂-Recycling und zur Rekarbonatisierung weiter voranzutreiben.

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